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Samstag, 14. April 2012

Werkschau - M. Night Shyamalan

The Sixth Sense [1999]
Um es gleich vorweg zu nehmen: Der für sechs Oscars nominierte The Sixth Sense stellt in M. Night Shyamalans Filmografie einen frühen Glanzpunkt dar und ist zudem ein einziger emotionaler Höhepunkt, in seinem Œuvre bis heute noch unerreicht und oft zu unrecht auf seinen Schlusstwist reduziert, der trotz all seiner Offensichtlichkeit viel zu selten vorhergesehen wird. Warum? Weil der Zuschauer jedes Mal von einer atemberaubenden Atmosphäre eingenommen wird, die alles andere vergessen macht. Bei all den "modernen Gruseleien", wie Zombies oder Aliens, die das Horrorgenre maßgeblich geprägt haben, sind es trotzdem immer noch Geister, unsichtbare Geschöpfe, vor denen wir nur noch mehr Angst hätten, wenn wir wüssten, dass sie existieren, vor denen wir uns am meisten fürchten. Diese Tatsache nutzt Shyamalan nur zu gut und vermag mit einem großartigen Score, facettenreichen Bildkompositionen und einem intensiven Schauspiel aller Beteiligten eine knisternde Spannung aufzubauen, die jeden in ihren Bann zieht, der sich nicht vor dem Unerklärlichen verschließt.

9/10



Unbreakable [2000]
Green Lantern, Hulk, Hellboy, X-Men, Watchmen, Thor, und, und, und: Sie alle sind Superhelden, die in den letzten Jahren auf die Leinwand transportiert wurden und werden wie in den Comics in eine reale Welt gesetzt, in der niemand ihre Fähigkeiten hinterfragt. Und wir als Zuschauer erfreuen uns an ihren Heldentaten und genießen ihre One-Man-Show, während wir uns aber zu jeder Zeit bewusst sind, dass so nicht die Realität aussieht. Doch Unbreakable fühlt sich anders an. "Logisch, ist ja auch keine Comic-Adaption", möchte man meinen, aber so einfach kann man das nicht abhandeln, denn hier wird sich ebenso mit dem Übernatürlichen, mit dem Wesen des Superhelden befasst. Shyamalan verankert nur seinen Helden tiefer in der Gesellschaft, lässt ihn an seinen Fähigkeiten zweifeln und bastelt einen realen Kontext mit Hilfe der Comics, deren Geschichten womöglich nicht einfach der Fantasie entspringen. Atmosphärisch weniger fesselnd als sein Vorgänger The Sixth Sense, aber mindestens genauso mystisch und geheimnisvoll rätselt der Zuschauer mit, wenn es um die seltsame Natur zweier Männer geht, die ein und dasselbe Schicksal teilen und dennoch gegensätzlicher nicht sein können. Es ist, als ob wir uns in einer anderen Welt befinden, die sich von unserer kaum unterscheidet und es liegt nun an jedem Einzelnen selbst, diese zu akzeptieren oder ihre Existenz als idiotisch abzuhandeln. Shyamalan hat mich gepackt. Ich akzeptiere sie.

7,5/10


Signs [2002]
Sind wir allein? Oder gibt es noch anderes, uns bislang unbekanntes Leben im Universum? Gäääähn. Shyamalan rollt der wohl nervigsten aller Verschwörungstheorien den roten Teppich aus und überhäuft uns in Signs erneut mit einer Ansammlung von mysteriösen Zeichen, Wundern und Zufällen, die keine sind in solch aufdringlichem Ausmaß, dass selbst Mystery-Fans wie mir das Unerklärliche zu den Ohren herausquillt. Gott lies Grahams (Mel Gibson) Frau sterben, dessen kleine Tochter nie ihr Gläschen Wasser austrinken und einiges mehr, nur um die Familie gegen eine Alien-Invasion hinreichend zu wappnen. Richtig? Ähh, ja. Zufälle gibt es keine. Alles ist vorherbestimmt, selbst die kleinsten Dinge lassen sich durch etwas Überirdisches erklären. Wer mit dieser mehr als zweifelhaften Aussage zurechtkommt, der wird auch diesem Film etwas abgewinnen können, und ganz abgesehen davon punktet Signs dennoch in vielerlei Hinsicht. Mel Gibson und Joaquin Phoenix spielen, ebenso wie die jungen Darsteller Rory Culkin und Abigail Breslin, hervorragend und machen zusammen mit stets interessanten Dialogen und einer wieder einmal spannenden Atmosphäre so gut es geht wett, was Shyamalan durch sein bek(n)acktes Ende einreißt. Nichtsdestotrotz eine Akte X-Folge in Spielfilmlänge, die überwiegend zu gefallen vermag. 

6/10


The Village [2004]
Nach zwei Großstadt-Settings und einem geheimnisvollen Einblick auf das Land entfernt sich Shyamalan noch ein Stück weiter von der Zivilisation und entführt seine Zuschauer in ein mittelalterliches Dorf, natürlich, vergnügt und rein gewaschen von jeglichen Sünden unserer modernen Gesellschaft. Nur wird die ländliche Idylle umkreist von großer Furcht, von Ungeheuern, den "Unaussprechlichen", die sich im Wald hinter der Grenze verbergen. Wer sind diese Geschöpfe und wieso beginnen sie plötzlich, die dörfliche Bevölkerung zu bedrohen? Hat jemand unerlaubt die Grenze überschritten und die Wesen mit seiner Aufmerksamkeit gestört? Was anfangs wie eine bloße Gruselgeschichte aussieht, entpuppt sich The Village im weiteren Verlauf doch als eine recht interessante soziologische Studie, aus der Shyamalan bedauerlicherweise zu wenig herausholt und der Film so letztlich eher als einfacher Mystery-Thriller fungiert. Doch ganz abgesehen von jenem verschenkten Potential funktioniert der Film mit der üblichen Fixierung auf Spannung und herkömmlichen Drama sehr gut. Die seltsamen Geschöpfe mit rotem Umhang jagten mir zumindest einen Schauer über den Rücken und der Wald übt mit einfachen Mitteln wie das Knacken und Knistern im Unterholz oder raschelnde Gebüsche eine beängstigende Wirkung aus, welche nach der Zweitsichtung aufgrund der alles erklärenden Schlusswendung leider ausbleibt. The Village ist in meinen Augen nicht so schlecht wie sein Ruf, dafür aber auch nur ein recht nervenaufreibendes, wie manchmal überstrapaziertes Filmerlebnis, das zum mehrmaligen Sehen absolut ungeeignet ist.

5,5/10


The Happening [2008]
Wir erlebten Tschernobyl, jüngst gab es die Ölpest im Golf von Mexiko und wer noch nichts vom Klimawandel gehört hat, der lebt wahrscheinlich irgendwo auf Alderaan. Dass der Mensch also die größte Gefahr für seine Umwelt ist und dass diese sich ab und an auch mal an uns rächt, ist absolut nichts Neues und dennoch möchte man wohlwollend Shyamalan für sein großes Engagement, die Menschheit vor der Natur, aber vor allem vor sich selbst zu warnen, loben. Doch wieso ist eine riesige Suizid-Welle, hervorgerufen von Pflanzen, die sich vom Menschen bedroht fühlen, dafür vonnöten? Geht es denn eigentlich noch dämlicher? Dennoch ist die Story lediglich die Spitze des Eisberges: Die meisten Selbstmorde sind unfreiwillig komisch, die Charaktere sind entweder völlig unglaubwürdig (Mark Wahlberg als Biologielehrer?!), oder auffallend idiotisch, ohne jeglichen Wert auf Authentizität zu legen. Dazu beweist Shyamalan im Gegensatz zu früheren Werken keinerlei Gespür für dramatische Momente, sodass manche Szene den Eindruck macht, als ließe sich der Mann von schlechten B-Movies inspirieren. Das ist nicht derselbe Regisseur, der mir in Filmen wie The Sixth Sense oder Unbreakable auf unvergleichliche Weise Gänsehaut bereitete. The Happening ist Blödsinn sondergleichen und der größte Schund, den ich in letzter Zeit erleben durfte.

1/10


Die Legende von Aang [2010]
Wenn man davon absieht, dass ich mich überhaupt nicht für die Serie, noch für die Geschichte des Avatars in irgendeiner Form interessiere, hat Shyamalan hiermit einen Film geschaffen, den ich doch für schlimmer befürchtete. Zwar bewegen sich die Schauspieler, die ihrer hölzernen Dialoge mit solch verzweifelter Ernsthaftigkeit herauspressen, dass man förmlich zum Fremdschämen eingeladen wird, beinahe auf RTL-Niveau, aber dennoch hat man nie das Gefühl, dass die naiven Helden in einer Welt, sichtlich geschaffen für Kinder, deplatziert wirken. Sie führen die Zuschauer durch eine nicht gleich faszinierende, aber immerhin interessante Welt, deren kindlicher Anstrich mit all ihren einfach gestrickten Menschen nicht mit Shyamalans sichtlichem Bemühen um Mehrdeutigkeit und historischer Relevanz harmonieren will. Heraus kommt ein Film, der zwar nicht so schlecht ist, wie man es ihm nachsagt, aber nichtsdestotrotz bei seinem Streben Klein und Groß gleichermaßen zu begeistern, beidseitig kläglich versagt. Vereinfacht gesagt: Weder Fisch, noch Fleisch, noch sonst irgendetwas. 

4/10

Ausstehend: Praying with Anger, Wide Awake, Das Mädchen aus dem Wasser (Werden gegebenfalls später hinzugefügt)

FazitM. Night Shyamalan ist der Mann für das Unerklärliche, das Geheimnisvolle und das Mystische. Mit großem Fokus auf eine bewegende und kraftvolle Atmosphäre mit allem, was dazugehört, öffnet er das Tor zu anderen Welten und begeistert seine Zuschauer seit jeher, insofern sie sich darauf einlassen. Zwar distanziert er sich von Philosophie und bedeutungsschwangeren Geschichten, aber dennoch versucht er mit seinen Filmen oftmals eine einfache Botschaft zu vermitteln, die mal mehr, mal weniger hilfreich ist. Leider ist er nach zwei sehr starken Werken (beste Regie: Unbreakable) und zwei weiteren recht guten Filmen von seiner Linie ein wenig abgekommen und entfernt sich immer mehr vom erstklassigen Regisseur, der er mal war. In seinen letzten beiden Filmen kann ich kaum noch das gewohnte Handwerk Shyamalans erkennen. Klar, Abwechslung tut auch mal gut, aber in diesem Fall wohl nur für ihn...
Durchschnitt: 5,5/10 Punkte

Dienstag, 13. März 2012

Werkschau - Darren Aronofsky

Da ich mich in den letzten Tagen verstärkt mit Aronofskys Werken befasst habe, präsentiere ich euch hier jeden seiner fünf Filme in chronologischer Reihenfolge mit Bewertung und kurzer Kritik:

Pi [1998]

Pi ist ein Film genau nach meinem Geschmack: Viele mysteriöse Zahlentheorien, Zufälle, die keine sind und im Mittelpunkt ein beinahe krankhaftes Hirn, dessen Psyche mit dem verrückten Stil des Films hervorragend zum Ausdruck gebracht wird: Mathematik kann auch spannend sein. Das zeigt Aronofsky in seinem Langfilm-Debut auf beeindruckende Art und Weise. Der Protagonist des Films Max Cohen ist ein gesellschaftlich betrachtet kleines Licht, das die meisten Menschen nicht versteht und sich ihnen gegenüber abschottet, ein gesundheitlich Geschwächter, der immer wieder an Migräne-Anfällen leidet und sich eine Pille nach der anderen einwirft und natürlich ein wahnsinniger Zahlen-Junkie, der jedwede Formel vor Augen hat und sich für nichts anderes engagieren kann. Alles habe eine feste Struktur im Universum, sogar unsere Welt selbst, deren Code es nun für ihn zu knacken gilt. Schade nur, dass man ein solches Unterfangen kaum ungestört betreiben kann...
Als halb Thriller, halb Charakterstudie präsentiert sich Aronofskys Erstlingswerk im ästhetischen schwarz-weiß Look, dessen Verspieltheit vor der Kamera, mit der er uns hier schon betraut macht, wieder einmal sehr inspiriert, aber teilweise auch ein wenig anstrengt. Alles andere als anstrengend ist hingegen Clint Mansells verdammt cooler, stimmungsvoller Soundtrack, der eine durchaus passende Atmosphäre erzeugt. Mit all seinen verrückten Fassetten erinnerte Pi mich irgendwie an David Lynchs Eraserhead. Wer den schon mochte, wird an Pi ebenso seine Freunde haben, denn wenn unser Protagonist, verfolgt von Wall Street und Judensekte, an diesem steigenden Druck zunehmends zerbricht und nach einem Ausweg sucht, dann gibt es nichts Schöneres, als ihm dabei zuzusehen, so seltsam das auch klingt. Pi ist kurzweilig, intelligent und interessant ... und von allem nicht zu wenig.
7,5/10

Requiem for a Dream [2000]
Der Traum vom großen Geld, der Traum von einer glücklichen Familie, der Traum beachtet zu werden und ein einziges Mal im Mittelpunkt zu stehen, der Traum ... geplatzt.
Das einfühlsame und dennoch so unfassbar schonungslose Drama Requiem for a Dream präsentiert sich primär als ganz großes Gefühlskino, das eindeutig den Fokus auf die emotionale Beeinflussung des Zuschauers legt. Ob Aronofsky nun die Medien durch sektenähnliches, beeinflussendes Fernsehen scharf kritisiert oder auch mehr Menschlichkeit und Mitgefühl zwischen den Menschen fordert: Fast alles ordnet sich dem Tränendrüsenkino unter und wird letztlich von Clint Mansells höchst sentimentalen, grandiosen Score erdrückt. Mit Kamera und Schnitt gewohnt verspielt, zaubert Aronofsky seine durchaus innovativen stilistischen Ideen optisch eindrucksvoll auf die Leinwand, und während der eine der Ansicht ist, dass dieser emotionale Bilderregen des Guten doch zu viel sei und den Film wichtiger erscheinen lässt, als er letztendlich ist, kann sich der andere an der reichen Fülle künstlerischer Entfaltung gar nicht satt genug sehen. Objektiv lässt sich jedoch mit Sicherheit sagen, dass die Regiearbeit noch lange nicht zu Aronofskys besten zählt. Teilweise unkoordiniert springt er besonders anfangs zwischen den einzelnen Erzählsträngen hin und her und versucht oft mit viel Gefühl und Emotionen technische Fehler auszugleichen ... und das funktioniert aufgrund von perfekter Verwendung von Kamera und Score, sowie des klasse Casts, allen voran einer herausragenden Ellen Burstyn, überraschend gut. 
Somit erzielt Requiem for a Dream trotz seiner Makel seine volle Wirkung wie kein zweiter Film. Ein angsteinflößender Kühlschrank, ein Auge auf Letos mit Drogen vollgepumpten Arm, ein letztes Mal die völlig verwarrloste, verwirrte Ellen Burstyn erblicken und man fürchtet sich vor den fatalen Auswirkungen von Drogenkonsum so wie nie zuvor. Vielleicht ein zweifelhafter Zeigefingerschwenk, aber ganz davon abgesehen ein vollkommen intensiver und schockierender Film, von dem ich mich gerne blenden lasse. Ohne Frage der König unter den Feel-Bad-Movies.

8/10

The Fountain [2006]

Death is a disease, it's like any other. And there's a cure. A cure - and I will find it.
Ganze sechs Jahre lies sich Aronofsky für sein drittes Werk The Fountain Zeit, um schließlich etwas ganz Großes zu wagen und einige der urältesten philosophischen Fragen zu beantworten versucht. Dieses Wagnis kam leider ein wenig zu früh.
Mit höchst kunstvollen, einzigartigen Bildern und Mansells rührseligen Score versucht er hier den Eindruck zu erwecken, dass der Film etwas Universelles mit größter Bedeutung für uns alle erzählt, doch der Schein trügt. Aronofsky ist nicht fähig, seine Botschaft über die herkömmlichen Grenzen eines Dramas mit Einzelschicksal auszuweiten, wodurch seine in allen Belangen riesige Inszenierung, inklusive seiner drei Zeitebenen, durchaus übertrieben erscheint. So sorgt Hugh Jackman als durch das Weltall schwebender Buddha für ein paar unfreiwillige Lacher, obwohl er nichts dafür kann und den verzweifelten Ehemann wiederum mit sehr viel Hingabe und Überzeugung gibt. Dennoch funktioniert The Fountain als Drama über einen Menschen, der den Tod nicht akzeptiert und vom Leben nicht loslassen kann sehr gut. Schon Schiller sprach damals vom "Erhabenen", den Tod als fester Bestandteil der Natur hinzunehmen und ihm mit Würde gegenübertreten. Aronofsky tut es ihm gleich und schafft mit Izzy (Rachel Weisz) eine Figur, die sich erhaben ihrem Schicksal stellt, während wir Tommy (Hugh Jackman) bei seinem Weg zu dieser Erkenntnis begleiten, das trotz seiner Bitterkeit im Hinblick auf unser alle Schicksal Hoffnung schöpft und uns, anstatt zu verzweifeln, bittet, an Tommys erlangter Weisheit ebenso teilzuhaben. 
Wer also mit allen Regeln der Kitschkunst gewaschen ist, wird auch The Fountain überstehen und vielleicht sogar ein wenig lieben lernen, wenn man wie ich ein Liebhaber großer Emotionen ist und missachtet, dass Aronofsky uns hier mehr verkaufen will als notwendig ist. Nüchtern betrachet dennoch sein schlechtester Film. 
7/10

The Wrestler [2008]
Ein Mann und das Rampenlicht, ein Leben für die große Show. Er kann nicht ohne die Bühne und die Bühne nicht ohne ihn. Die Zuschauer sind seine Familie. Sie geben ihm die Kraft, die er braucht. Was er ist? Er ist ein Wrestler.
Im Bann zweier Metiers, in denen dein Körper mehr zählt als dein Geist und dein Publikum dich zu dem macht, was du bist, ist The Wrestler dennoch vielmehr Charakter- als Sozialstudie. Da wäre eine Stripperin (Marisa Tomei), die sich auszieht, nur um Geld für sich und ihren Sohn zu verdienen und natürlich Randy “The Ram” Robinson (Mickey Rourke), ein in die Jahre gekommener Wrestler, der sich trotz gesundheitlicher und familiärer Probleme einfach nicht von seinem Job trennen kann. Halt findet er nur bei ihr, und sie ebenso bei ihm. Ungewohnt zurückhaltend, gibt uns Aronofsky beinahe schon dokumentarisch Einblick in die Welt des Randy Robinson, was den Film zum einen vollkommen authentisch und fühlbar macht und zum anderen leider auch ein wenig langatmig werden lässt. Doch wenn man den Wrestler dann blutüberströmt nach der völligen Hingabe zu seinem Beruf in vollkommener Leere, erstaunt über seine Vergangenheit und verzweifelt über seine Zukunft, sitzen sieht, ist man wieder voll im Geschehen und es gibt nichts, was dir mehr am Herzen liegt als das Schicksal dieses Mannes. Mickey Rourke ist für die Hauptrolle die perfekte Besetzung, da er erstens ein fabelhafter Schauspieler ist und zweitens mittlerweile genauso abgehalftert und heruntergekommen wirkt, wie die Figur, die er darstellt. Neben ihm glänzt die bezaubernde Marisa Tomei in ihre bislang besten Rolle. The Wrestler ist Aronofskys untypischster Film und vielleicht gerade deshalb sogar auch sein reifstes Werk. Fernab von  Spielereien mit Kamera und Schnitt, sowie einem hoch emotionalen Score, wagt er diesmal hingegen den Sprung von der Ecke des Rings, den Sprung ins Ungewisse ... und der gelingt.

8/10

Black Swan [2010]
Zwei Jahre nach dem einfühlsamen Sportlerdrama The Wrestler präsentiert uns Darren Aronofsky den nächsten befremdlichen Einblick in die Welt des Sports. Zwar scheint es auf den ersten Eindruck so, als ob Wrestling und Ballett wenig miteinander gemein haben, doch wenn man ihren Kern betrachtet und einen Blick auf die Seele des Sportlers wirft, so offenbaren doch beide eine grausame, bittere Seite. Und in Black Swan wird fernab vom Glanz, den das Ballett-Publikum wahrnimmt, ebendiese Schattenseite schonungslos offen gelegt. Getrieben vom Leistungsdruck und der Eifersucht geht hier Nina (Natalie Portman) eine völlig krankhafte Hingabe zu ihrer Rolle ein, in der widerlich anzusehende körperliche Makel wie blutige Zehen oder aufgekratze Haut noch das Mindeste sind, was die Protagonistin belastet. Sie soll in einer Neuinterpretation des Schwanensees die Schwanenkönigin spielen, in der sie die Doppelrolle des zarten, weißen Schwans und die des temperamentvollen schwarzen Schwans beherrschen muss. Eine Aufgabe, die für sie lediglich mit der vollständigen Identifikation mit ihrer Rolle zu meistern ist. Eine schicksalhafte Veränderung ihres Charakters scheint vorprogrammiert. 
Was Darren Aronofsky in seiner nunmehr fünften Regiearbeit leistet, ist schlichtweg grandios. Von körperlichen Schäden, über Verfolgungswahn, bis hin zum seelischen Zerfall zeichnet er den tragischen, menschlichen Niedergang einer Ballett-Tänzerin und konstrastiert dies gleichzeitig mit ihrem beruflichen Aufstieg und ihrem Umfeld, das nur auf ihren Erfolg schaut, sie beneidet und als große Künstlerin umjubelt, während sie selbst an ihrem Beruf zunehmend mental zugrunde geht. Natalie Portman meistert ihre zwiespältige Rolle ebenso hervorragend, wie ihre tadellos performten Tänze und brilliert neben Vincent Cassel als leidenschaftlicher Direktor des Stücks, der hier wieder einmal seine unglaubliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis stellt. Den Fokus auf die mitreißende Charakterstudie legend, baut Aronofsky geschickt für den genauen Beobachter zwar vorhersehbare, aber niemals störende Psychothriller-Elemente ein, um auch das Mainstream-Publikum zufrieden zu stellen und das gelingt so perfekt, dass der Film überhaupt nichts von seiner Ernsthaftigkeit und Tragweite verliert. Black Swan ist ein einziger musikalischer Bilderrausch, indem technische Brillianz und fesselndes Schauspiel auf intensivste Art und Weise auf den Zuschauer einwirken und in einem höchst emotionalen Finale münden, das einem die Schuhe auszieht. Die Masse applaudiert, der Einzelne weint.
I felt it. It was perfect.
9,5/10


Donnerstag, 1. März 2012

Werkschau - Sam Mendes

Und weil ich gerade Lust dazu habe, hier meine Hitliste aller (5) Sam Mendes-Filme:

Platz 5
 Jarhead - Willkommen im Dreck
Mendes' Kritik am Krieg ist zwar handwerklich einwandfrei und in seiner Aussage treffend bissig, kann aber bei der bereits bestehenden großen Masse an Antikriegsfilmen wenig Neues hervorbringen und hat aufgrund des Drehbuchs ab und an gegen seine Langatmigkeit zu kämpfen. Nichtsdestotrotz zweifelsohne ein guter Film. [7/10]

Platz 4
Away We Go - Auf nach Irgendwo
Die Story um das sympathische Paar, das quer durch die Staaten reist, um für ihr gemeinsames Kind ein schönes zu Hause zu suchen, ist durch seine skurrilen (aber oft überzeichneten) Figuren und vortrefflichem Musik-Einsatz durchweg unterhaltsam. Mit seinem wunderschönen Ende hat dieses Feel-Good-Movie den vierten Platz durchaus verdient. [7,5/10]

Platz 3
Road to Perdition
Das melancholische Gangsterdrama ist durchweg spannend, atmosphärisch kraftvoll und beinhaltet überraschend viel Herz. Ein rundum gelungener Film. [7,5/10]

Platz 2
Zeiten des Aufruhrs
Neben intelligenter Gesellschaftskritik und einem tiefgreifenden Konflikt, der in uns allen steckt, passiert hier vor allem eines: Es fliegen die Fetzen. Wenn DiCaprio und Winslet in ihren Rollen so sehr aufgehen, dann möchte man am liebsten nicht anderes tun, als ihnen beim Ehekrach zuzuschauen. Großartig! [8,5/10]
Platz 1
American Beauty
Die immer noch unbezwingbare Nummer 1 stellt ausgerechnet Mendes' Regiedebut dar. Zum Lachen komisch und dann wieder zu Tränen rührend: Es gibt fast keinen Film, der mich so emotional bewegt. Die Lebensfreude, die aus diesem Werk herausgeht, ist riesig und sucht noch heute seinesgleichen. Für mich ohne Frage ein Meisterwerk. [10/10]
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