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Donnerstag, 6. Dezember 2012

Film der Woche: Im Zeichen des Bösen [Orson Welles | USA 1958]


Von der Produktionsfirma eingehend verändert und kommerzialisiert, stellt der etwas andere Film noir Im Zeichen des Bösen, der als das Ende seiner genrebezogenen Ära gilt auch das Ende Welles' Hollywoodlaufbahn dar, der von dieser Bevormundung zurecht verärgert nach diesem Film nur noch in Europa arbeitete. Doch zum Glück gibt es inzwischen eine Version, die wohl weitestgehend den Wünschen des Regisseurs entsprach und von der ich nun in den nachfolgenden Zeilen berichten werde.

Eine Bombe wird in den Kofferraum eines Autos platziert, welchem die Kamera minutenlang über befahrene Straßen, staubige Gassen und marode Häusern folgt. Doch schnell gebührt die Aufmerksamkeit eines nebenher vergnügt auf dem Fußweg entlangschlendernden Paares, die Frau Amerikanerin, der Mann Mexikaner. In dem Moment, in dem sich ihre Lippen berühren und der flüchtige Gedanke in ihren Köpfen weilt, gemeinsam hier in Los Robles, an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, glücklich zu werden - Genau in jenem Moment explodiert die Bombe und in den Köpfen kehrt wieder Realität ein, der traurigen Wahrheit ausgesetzt, dass diese Stadt dreckig und verkommen ist. Diese populäre und unvergessliche Eröffnungsszene des Films führt den Zuschauer wunderbar in die raue Atmosphäre, die allgemeine Stimmung unter den Bürgern und den Zustand jenes Grenz-gelegenen Städtchens ein. Nutten gibt es hier reichlich, mit Drogen wird das große Geld gemacht, Morde und Gewaltverbrechen stehen an der Tagesordnung und über dem ganzen Schmutz steht, wie soll es auch anders sein, ein korrupter Polizeichef. Orson Welles höchstselbst spielt jenen zynisch-grimmigen Antagonisten Quinlan mit furchteinflößender Eleganz und zeigt erneut, was für ein begnadeter Schauspieler er war. Mühevoll versucht er sich durch hässliche Schandtaten beim Publikum unbeliebt zu machen. Welles zeichnet Quinlan aber hintergründig als einen bemitleidenswerten Mann, der für die hohe Kriminalität in seiner Stadt nicht verantwortlich ist, sondern an ihr zugrunde ging, bis er selbst zu dem wurde, was er einmal zu bekämpfen glaubte. Er hat die Welt gesehen und das, wozu sie fähig ist. 

Nicht so sein junger, idealistischer und mexikanischer Gegenpart Vargas (Charlton Heston), der der Korruption den Kampf ansagt und der festen Überzeugung ist, die Stadt noch säubern zu können. So kommt es zu einem erbitternden, scheußlichen Krieg zwischen zwei scheinbar grundverschiedenen Charakteren, in dem der Kampf zwischen Engel und Teufel nicht selten auch zum Wechselspiel avanciert. Genauso also wie es hier gute und böse Mexikaner, gesetzestreue und gesetzlose Amerikaner gibt - nicht zufällig spielt der Film an einer Staatsgrenze -, verschwimmen langsam grundlegend die Grenzen zwischen Gut und Böse, bis sie kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Immer öfter hört man dem Schurken die unheilvolle Wahrheit aussprechen, zu der der Zuschauer zum Kopfnicken verdammt ist und immer seltener fiebern wir mit dem für Gerechtigkeit kämpfenden Helden mit. Welles zerstört filmtypische Rollenerwartungen und Klischees und stellt in einem spannenden wie ergreifenden Film eine neue Ordnung her, indem er die Gleichheit aller Individuen, das Menschliche im Unmenschlichen, das Gute im Bösen gesucht und gefunden hat. 

8,5/10

Freitag, 30. November 2012

Film der Woche: Dänische Delikatessen [Anders Thomas Jensen | DK 2003]


Ein Film, in dem die Figuren zu deutsch Schweiß-Svend, Häuser-Hans und Wurst-Holger genannt werden, kann man eigentlich nur lieb haben. Ganz den modernen, augenzwinkernden dänischen Produktionen wie Adams Äpfel oder In China essen sie Hunde zugeordnet, ist Anders Thomas Jensens zweiter von drei Langfilmen eine durchaus gelungene Mischung aus schwarzer Komödie und eher konventionellem Familiendrama. Die Story dreht sich dabei um das ungleiche Duo Bjarne (ständig rauchend und bein ... ääh brandgefährlich: Nikolaj Lie Kaas) und Svend (diskutierfreudig, jähzornig, selbstgerecht: Mads Mikkelsen), zwei im Kindesalter verletzte Menschen endlich auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Von ihrem Chef drangsaliert und gedemütigt, beschließen die beiden, der eine Tier-, der andere Menschenhasser, sich von den Fesseln ihrer Kindheit langsam zu lösen und eröffnen aus einer Art pubertären Widerstand ihre eigene Metzgerei. Logisch, dass da nicht alles nach Plan läuft ... glücklicherweise. Trotz dass der makabere Storyverlauf rund um die Metzgerei heute nichts wirklich Neues oder Empörendes mehr darstellt, ist immerhin der typisch groteske Humor so erfrischend wie gewohnt, so lange man ab der zweiten Hälfte herzhaft mit und nicht über Bjarnes plötzlich auftauchenden behinderten Zwillingsbruder Eigil lacht. Ab diesem Punkt entfaltet Dänische Delikatessen seine ehrliche Tragik und seinen menschlichen Grundcharakter, insofern man die Einlagen des geistig Beschränkten nicht als reinen Klamauk interpretiert, was außerdem schwierig werden dürfte, da Mikkelsen und Kaas absolut souverän ihren Mann stehen und keine einzige Miene verziehen. Eine schöne Schlusspointe, die die erworbene Eigenständigkeit und Verantwortung seiner Protagonisten untermauert und somit den finalen Schritt zum Erwachsensein darstellt, setzt einem gelungenen Film die Krone auf. Und dennoch blieb die wichtigste aller Fragen offen: Welcher Wasserball war denn nun der größere?

6,5/10
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