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Dienstag, 29. Januar 2013

Der Pianist [Roman Polanski | DE,FR,GB,PL 2002]


Die Zerstörung eines Radiosenders mitten in einer Piano-Aufnahme - Damit beginnt Roman Polanskis preisgekröntes Holocaust-Drama Der Pianist und symbolisiert sogleich die nahende Destruktion jeglicher Kultur. In Zeiten des Krieges braucht man schließlich keine Musiker wie Władysław Szpilman, der in diesem erschreckenden Moment noch nicht einmal ahnt, was auf ihn und seine Familie zukommt und zu welchen Untaten der Krieg fähig ist. Wie eindringlich Polanski anfänglich den herannahenden Schrecken, die soziale Ausgrenzung der Juden und die fassungslosen Reaktionen aus der Sicht einer gewöhnlichen Familie schildert, ist schlichtweg herausragend. Erst sind es nur erniedrigende Verbote, dann sterben die ersten Menschen auf offener Straße. Der Zuschauer ist, wie soll es auch anders sein, fassungslos - von den Gräueltaten der Nazis, aber auch von der Illoyalität einflussreicherer Juden. Ohne die Verbrechen des Nationalsozialismus in irgendeiner Weise zu verharmlosen, verschwimmen zunehmend die Grenzen zwischen Gut und Böse. Klare Feindbilder, und das macht diesen Film so ehrlich, existieren nicht. Verstört von schonungsloser Brutalität und ergriffen vom unausweichlichen Schicksal der Juden gleitet der Zuschauer langsam in die zweite Hälfte des Films in der sich seine zweieinhalbstündige Länge hin und wieder bemerkbar macht, denn sie ist bestimmt vom großen Warten: Warten auf das Ende des Krieges, auf Befreiung, vielleicht aber auch nur das Warten auf den Tod. Die vorangegangene Grausamkeit der Nazis rückt wieder etwas in den Hintergrund, allerdings ohne die ständige Angst und Bedrohung zu verharmlosen. Stattdessen widmet sich Polanski in der unabwendbaren Isolation nun ungehindert der Person Władysław Szpilman und seinem unbändigen Überlebenswillen, bestärkt in der Hoffnung endlich wieder Klavier spielen zu können. Dass es schließlich so weit kam, hat er nichtsdestotrotz ausgerechnet einem Deutschen zu verdanken, dessen Wohltat den letztlichen Sieg durch die Alliierten zur Nebensache degradiert und stattdessen das Wesentliche auf den kleinen Menschen lenkt: Die Güte und Vernunft eines Einzelnen kann durch keine noch so starke Ideologie gebrochen werden. Die Geburt eines Helden in einer Zeit, die keine Helden braucht.

8/10

Sonntag, 9. Dezember 2012

Wolfsburg [Christian Petzold | DE 2003]


„Guten Tag, mein Name ist Philipp Gerber. Ich habe gestern Nachmittag auf der L322 zwischen Wolfsburg und Nordsteimke ein Kind überfahren. Ich habe Fahrerflucht begangen. Ich hätte anhalten müssen, nach dem Jungen sehen, einen Krankenwagen rufen oder ihn vielleicht sogar direkt ins Krankenhaus fahren müssen. Das hab ich aber nicht getan. Ich weiß nicht warum. Ich weiß nicht warum ... vielleicht habe ich gerade in dem Moment an meine Freundin gedacht, die gerade in dem Moment zu Hause ihre Sachen packt, um mich zu verlassen ... ich weiß es so richtig gar nicht. Ich hoffe, dass es dem Jungen okay geht. Ich hoffe, dass es dem Jungen gut geht. Ich hoffe, dass der Junge wieder gesund wird. Guten Tag mein Name ist Philipp Gerber...“
Täglich begegnen sie einem, täglich stimmen sie einen für wenige Sekunden traurig - Ein Symbol der Trauer und auch ein Appell an die Verkehrssünder, an die Vernunft: Mit Blumenkränzen liebevoll eingedeckte Kreuze am Straßenrand. Christian Petzold erzählt in seinem höchst eindringlichen Film Wolfsburg die Geschichte dahinter und fixiert sich ausschließlich auf die zwei tragischsten, beide von Trauer und Schuld zerfressenen Überlebenden. Während Nina Hoss als trauernde Mutter, trotz dass sie anscheinend auch keine Bilderbuchmutti war, die bemitleidenswerte Opferrolle zukommt, interessiert hier vielmehr die anregende Darstellung des von Benno Fürmann verkörperten Täters. Auch wenn Philipp ein Kind überführ und es dann auch noch liegen ließ, ist er ein Mensch und jeder Mensch macht Fehler. Sein von allerlei Gefühlen beeinflusstes Verhalten ist nicht immer rational erklärbar und die Person als Gut oder Böse abzustempeln, wäre beileibe zu einfach. Anfangs völlig verwirrt und später geplagt von Schuld sucht er die Nähe zur leidtragenden Mutter, versucht, so viel er nur kann, wiedergutzumachen, doch nichts, nicht einmal Liebe, kann ihn von dieser Last befreien. Indem Petzold den derzeitigen Lebenszustand beider Menschen tiefgehend beobachtet und besonders mithilfe seiner detaillierten Ausleuchtung ihrer Innenleben durch feine Gesten und Blicke letztlich auch den Täter Philipp überzeugend zu einer tragischen Figur formt, ihn zu einem ebenso großen Opfer des Schicksals bzw. des unglücklichen Zufalls macht, gelingt ihm ein humanes Meisterstück, das die Ausweglosigkeit eines unerklärlichen Vorfalls sowie das Fressen-und-gefressen-werden in einer seltsam harten Welt anregend schildert - unbedingt sehenswert.

7/10

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Film der Woche: Im Zeichen des Bösen [Orson Welles | USA 1958]


Von der Produktionsfirma eingehend verändert und kommerzialisiert, stellt der etwas andere Film noir Im Zeichen des Bösen, der als das Ende seiner genrebezogenen Ära gilt auch das Ende Welles' Hollywoodlaufbahn dar, der von dieser Bevormundung zurecht verärgert nach diesem Film nur noch in Europa arbeitete. Doch zum Glück gibt es inzwischen eine Version, die wohl weitestgehend den Wünschen des Regisseurs entsprach und von der ich nun in den nachfolgenden Zeilen berichten werde.

Eine Bombe wird in den Kofferraum eines Autos platziert, welchem die Kamera minutenlang über befahrene Straßen, staubige Gassen und marode Häusern folgt. Doch schnell gebührt die Aufmerksamkeit eines nebenher vergnügt auf dem Fußweg entlangschlendernden Paares, die Frau Amerikanerin, der Mann Mexikaner. In dem Moment, in dem sich ihre Lippen berühren und der flüchtige Gedanke in ihren Köpfen weilt, gemeinsam hier in Los Robles, an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, glücklich zu werden - Genau in jenem Moment explodiert die Bombe und in den Köpfen kehrt wieder Realität ein, der traurigen Wahrheit ausgesetzt, dass diese Stadt dreckig und verkommen ist. Diese populäre und unvergessliche Eröffnungsszene des Films führt den Zuschauer wunderbar in die raue Atmosphäre, die allgemeine Stimmung unter den Bürgern und den Zustand jenes Grenz-gelegenen Städtchens ein. Nutten gibt es hier reichlich, mit Drogen wird das große Geld gemacht, Morde und Gewaltverbrechen stehen an der Tagesordnung und über dem ganzen Schmutz steht, wie soll es auch anders sein, ein korrupter Polizeichef. Orson Welles höchstselbst spielt jenen zynisch-grimmigen Antagonisten Quinlan mit furchteinflößender Eleganz und zeigt erneut, was für ein begnadeter Schauspieler er war. Mühevoll versucht er sich durch hässliche Schandtaten beim Publikum unbeliebt zu machen. Welles zeichnet Quinlan aber hintergründig als einen bemitleidenswerten Mann, der für die hohe Kriminalität in seiner Stadt nicht verantwortlich ist, sondern an ihr zugrunde ging, bis er selbst zu dem wurde, was er einmal zu bekämpfen glaubte. Er hat die Welt gesehen und das, wozu sie fähig ist. 

Nicht so sein junger, idealistischer und mexikanischer Gegenpart Vargas (Charlton Heston), der der Korruption den Kampf ansagt und der festen Überzeugung ist, die Stadt noch säubern zu können. So kommt es zu einem erbitternden, scheußlichen Krieg zwischen zwei scheinbar grundverschiedenen Charakteren, in dem der Kampf zwischen Engel und Teufel nicht selten auch zum Wechselspiel avanciert. Genauso also wie es hier gute und böse Mexikaner, gesetzestreue und gesetzlose Amerikaner gibt - nicht zufällig spielt der Film an einer Staatsgrenze -, verschwimmen langsam grundlegend die Grenzen zwischen Gut und Böse, bis sie kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Immer öfter hört man dem Schurken die unheilvolle Wahrheit aussprechen, zu der der Zuschauer zum Kopfnicken verdammt ist und immer seltener fiebern wir mit dem für Gerechtigkeit kämpfenden Helden mit. Welles zerstört filmtypische Rollenerwartungen und Klischees und stellt in einem spannenden wie ergreifenden Film eine neue Ordnung her, indem er die Gleichheit aller Individuen, das Menschliche im Unmenschlichen, das Gute im Bösen gesucht und gefunden hat. 

8,5/10

Dienstag, 4. Dezember 2012

Spur der Steine [Frank Beyer | DDR 1966]


Drei Tage hatten die DDR-Bürger Zeit Frank Beyers Spur der Steine in einigen Lichtspielhäusern unter die Lupe zu nehmen, bevor der heute zurecht zum DEFA-Klassiker ernannte Film von der SED verboten wurde. Bereits die ersten Minuten zeigen warum: Ausnahmsweise ohne rosaroter Sozialistenbrille wird der selbsternannte Kern des Staates, die einfache Arbeiterschaft, als eine ungeordnete Horde voller Individualisten dargestellt. An ein und demselben Strang zieht hier eigentlich keiner, nicht einmal die Parteimitglieder. Die Arbeitsbedingungen im Bau sind miserabel, von der Materialknappheit bis zur unkoordinierten Chefetage und inmitten dieser alltäglichen Verwirrung müssen dennoch wichtige Entscheidungen getroffen werden. Im Mittelpunkt der Diskussionen steht das Parteiausschlussverfahren um den Bauleiter, ein eigentlich idealistisches SED-Mitglied, der sich den Fehltritt erlaubte, trotz Ehe eine Affäre aus Liebe zu seiner Arbeitskollegin zu beginnen. Ein Verstoß gegen die Moral und obendrein unzumutbar für das Prestige der Partei. „Ist Liebe denn unmoralisch?“, fragt Brigadeleiter Hannes Balla, hervorragend von Manfred Krug verkörpert, und bringt damit als kritischste und divergenteste Figur des Films erneut spitzzüngig das höchst instabile Gedankenkonstrukt der herrschenden Sozialisten ins Wanken, welche drauf und dran sind, das Leben zweier Liebenden, an der Grenze psychischer Belastung angelangt, in den Abgrund treiben zu lassen. Mit hintergründigen NS-Vergleichen und der Enttarnung kapitalistischer Tendenzen systemtreuer Bürger durch feine Gesten, wie der gierigen Umklammerung wertvoller Konsumgüter, komplettiert Beyer seine harsche, nie zu plakative, Kritik am Staatsapparat der Deutschen Demokratischen Republik. Dazu gehört eine Menge Freigeist und Mut, was gar nicht hoch genug geschätzt werden kann, trotz dass die DDR natürlich auch ihre guten Seiten hatte. Doch aus dem damaligen Blickwinkel betrachtet, war einzig und allein gut überlegte und wohl dosierte Kritik vonnöten, die uns der Film einwandfrei vermittelt. Schade nur, dass wir erst heute etwas davon haben.

7/10

Sonntag, 2. Dezember 2012

Bube, Dame, König, grAs - Snatch - RocknRolla

Bube, Dame, König, grAs [1998]


Vier Freunde stecken ziemlich in der Klemme: Binnen einer Woche müssen sie ihre Spielschulden von fünfhunderttausend Pfund dem furchterregenden Harry Lonsdale, König der Unterwelt, zurückzahlen, insofern ihnen ihre Gliedmaßen wichtig sind. Nach reiflicher Überlegung scheint ein einfacher Plan gefunden, doch, wer hätte es gedacht, lässt sich eine halbe Millionen schwieriger verdienen als zuerst angenommen, wenn eine Menge anderer Leute ihre Finger im Spiel haben. Guy Ritchie entführt uns in seinem Erstlingswerk erstmals in eine Welt, in der es außer Politessen keine rechtschaffenen Leute gibt, in der sich Kleinganoven mit geklauten Plunder über Wasser halten, sich haasträubende Legenden über Feuerlöscher und Gummidildos erzählen und Späthippies mit Marihuana zugedröhnt große Geschäfte machen. Es ist eine moralisch absolut verkommene Welt, die in diesem Film und seinen Nachfolgewerken glorifiziert wird, ein Universum voll von Gewalt(-verherrlichung), Drogen(-verherrlichung) und jeglicher Vulgaritäten. Wen diese Tatsache einschüchtert, sollte lieber die Hände davon lassen. Allen anderen eröffnet sich ein vor allem handwerklich gelungener Film, dessen Sprüche zum größten Teil sitzen, der mit seinen Gangsterklischees ein wenig subtiler umgeht und dessen Coolness weniger aufgesetzt erscheint als in seinem Nachfolgewerk Snatch. Ein abgefahrener Film, der durchaus Spaß machen kann.

6/10
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Snatch - Schweine und Diamanten [2000]


Snatch - Schweine und Diamanten, quietschende Hunde und Kaffeewärmer, Zigeuner und Wohnwagen, Juden und welche, die es gern wären ist ein Fest an Kreativität und skurriler Einfälle. Noch eine Spur humoristischer angelegt als sein Erstlingswerk Bube, Dame, König, grAs beißt sich Regisseur Guy Ritchie erneut in der Londoner Untergrundszene, angereichert mit schrägen Vögeln, harten Typen und Versagern, fest und lässt mehrere Handlungsstränge auf seltsamste Weise ineinander laufen - das Resultat: Ein Gagfeuerwerk der extremen Sorte. Drehbuch, Kamera und Schnitt leisten erneut ganze Arbeit und doch wusste mich der Film nur noch selten wirklich mitzureißen. Der Grund: Tarantino. Das amüsante Gangster-Getratsche, die gezwungene Härte und aufgesetzte Coolness wurde schon in den 90ern von jenem talentierten Regisseur, der sich bekanntermaßen wiederum auch an älteren Werken bediente, und auch von Ritchie selbst wesentlich überzeugender initiiert, weshalb sich Snatch zeitweise wie eine schlechte Kopie anfühlt, aber nichtsdestotrotz noch mehr Stil und Charme besitzt als die blödsinnige Massenware der Generation Smokin' Aces, die Kopie von der Kopie sozusagen.

5,5/10
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RocknRolla [2008]



Nach einem im wahrsten Sinne des Wortes furchtbar romantischen Ausflug mit Madonna und eher mäßigem Mystery-Gangster Quatsch widmet sich Guy Ritchie ganze acht Jahre nach seinem Erfolg mit Snatch wieder dem skurrilen Gaunerzirkus der Londoner Unterwelt. Genau wie seine Vorgänger bietet auch RocknRolla wieder jede Menge Figuren, Handlungsstränge, Verstrickungen und Spaß auf, verbiegt sich durch mal mehr, mal weniger gewollter Coolness und scheißt auf die Moral und den guten Ton. Auch diesmal gilt wieder: Alles schon gesehen. Dennoch nagt nun auch hier der Zahn der Zeit am Gangstermilieu. Im Laufe der Jahre wurde London moderner, größer, nobler. Aus Immobilien besteht das große Geschäft, Machos räumen für Arschkriecher das Feld, Koks und Knarre wurden durch Anzug und Zigarre ersetzt. Mehr und mehr Immigranten strömen in die Stadt und machen den alteingesessenen Bossen ihren Platz streitig. Die Uhr für große Untergrundlegenden wie Johnny Quid (Toby Kebbell) ist bereits abgelaufen, echte Bewunderung erfahren sie nur noch von ihresgleichen, und Guy Ritchie natürlich. Der britische Regisseur lässt die alte Schule im Kampf gegen den neuen Zeitwandel noch ein letztes Mal aufleben und schafft seinen Ziehkindern, den Kleinganoven, ein finales Denkmal kurz vor ihrem Ableben. Abgesehen von der extrem übertriebenen Homophobie Gerald Butlers alias One Two und der viel mehr nervig als irgendwie cool erscheinenden Hauptfigur Johnny ist RocknRolla seinen Vorgängern aus heutiger Sicht dennoch einen winzigen Schritt voraus, einfach weil er immer noch am ehesten mit der Zeit schwimmt, gänzlich ohne Melodramatik auskommt und locker und leicht stilvoll den heimischen Bildschirm blitzeblank poliert. Vor allem Mark Strong als Erzähler und Mittelpunkt des Geschehens überzeugt durch sein souveränes, stilvolles und charmantes Auftreten, was ihn zum größten Sympathisanten und der fast einzigen Identifikationsfigur im ganzen Ritchie-Gangsteruniversum macht.

6,5/10

Freitag, 30. November 2012

Film der Woche: Dänische Delikatessen [Anders Thomas Jensen | DK 2003]


Ein Film, in dem die Figuren zu deutsch Schweiß-Svend, Häuser-Hans und Wurst-Holger genannt werden, kann man eigentlich nur lieb haben. Ganz den modernen, augenzwinkernden dänischen Produktionen wie Adams Äpfel oder In China essen sie Hunde zugeordnet, ist Anders Thomas Jensens zweiter von drei Langfilmen eine durchaus gelungene Mischung aus schwarzer Komödie und eher konventionellem Familiendrama. Die Story dreht sich dabei um das ungleiche Duo Bjarne (ständig rauchend und bein ... ääh brandgefährlich: Nikolaj Lie Kaas) und Svend (diskutierfreudig, jähzornig, selbstgerecht: Mads Mikkelsen), zwei im Kindesalter verletzte Menschen endlich auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Von ihrem Chef drangsaliert und gedemütigt, beschließen die beiden, der eine Tier-, der andere Menschenhasser, sich von den Fesseln ihrer Kindheit langsam zu lösen und eröffnen aus einer Art pubertären Widerstand ihre eigene Metzgerei. Logisch, dass da nicht alles nach Plan läuft ... glücklicherweise. Trotz dass der makabere Storyverlauf rund um die Metzgerei heute nichts wirklich Neues oder Empörendes mehr darstellt, ist immerhin der typisch groteske Humor so erfrischend wie gewohnt, so lange man ab der zweiten Hälfte herzhaft mit und nicht über Bjarnes plötzlich auftauchenden behinderten Zwillingsbruder Eigil lacht. Ab diesem Punkt entfaltet Dänische Delikatessen seine ehrliche Tragik und seinen menschlichen Grundcharakter, insofern man die Einlagen des geistig Beschränkten nicht als reinen Klamauk interpretiert, was außerdem schwierig werden dürfte, da Mikkelsen und Kaas absolut souverän ihren Mann stehen und keine einzige Miene verziehen. Eine schöne Schlusspointe, die die erworbene Eigenständigkeit und Verantwortung seiner Protagonisten untermauert und somit den finalen Schritt zum Erwachsensein darstellt, setzt einem gelungenen Film die Krone auf. Und dennoch blieb die wichtigste aller Fragen offen: Welcher Wasserball war denn nun der größere?

6,5/10

Mittwoch, 28. November 2012

Cloud Atlas [Tom Tykwer, Andy & Lana Wachowski | DE, HK, SG, US 2012]


Sechs verschiedene Geschichten von Liebe, Freiheit und Freundschaft aus sechs verschiedenen Epochen. Ein interessanter philosophischer Diskurs oder möchtegern-epischer Blödsinn? Egal, wofür man Cloud Atlas letztendlich hält - Es bleibt ein echtes Mammutprojekt, aber auch, trotz seiner Einzigartigkeit, ein Film für die Masse geschaffen oder um es positiv zu formulieren: Ein Riese, der dich nicht erdrückt, sondern an die Hand nimmt und fast drei Stunden deine Sinne berauscht. Doch wie ein endloser Werbeclip reiht sich Szene an Szene, Ebene an Ebene, der Unterhaltung wegen viel zu schnell geschnitten und besonders anfangs noch nicht so recht ineinander fließend. Es dauert seine Zeit, bis man sich in jeden Charakter des stark aufspielenden Casts einfühlt, mit deren Ringen nach innerer und äußerer Freiheit, deren Streben nach Glückseligkeit und einem Sinn im Leben mitfiebert und die ersten Zusammenhänge wahrnimmt und begreift, auch wenn es meist gar nicht viel zu verstehen gibt. »Alles ist verbunden und jede gute oder böse Tat kann die Zukunft entscheidend verändern« ist die offenkundige und mehrfach erwähnte Prämisse des Films, auf der sich jedes Gedankenkonstrukt Tykwers, der Wachowski-Geschwister und vermutlich auch der Romanvorlage aufbaut. Damit einhergehend beschränkt sich Cloud Atlas oftmals leider nur auf leicht goutierbare Küchenphilosophie, verschont den Zuschauer aber zum Glück mit einer erneuten Demonstration des ausgelutschten Schmetterlingseffekts oder des Ursache-Wirkung-Prinzips, sondern vermittelt frei von jeder erzählerischen Konvention völlig losgelöst seine zugegeben kitschige Intension auf emotionaler Ebene. Nur durch Aufopferung, Mut und zwischenmenschliche Zusammenarbeit kann man feste Grenzen überschreiten und Gutes für die nächste Generation schaffen, die dich genauso betrifft, denn dein Leben gehört nicht nur dir. Alles ist eben verbunden. Ein Film weit entfernt von Perfektion, aber auch eine ergreifende Reise, die polarisiert.

6,5/10



Freitag, 23. November 2012

Take Shelter [Jeff Nichols | USA 2011]


Is anyone seeing this?
Angst vor einer Naturkatastrophe, Angst vor dem finanziellen Ruin, Angst vor einer Epidemie, Angst vor der eigenen Familie und schließlich auch die Angst vor sich selbst - Jeff Nichols' stilles Weltuntergangsszenario ist fernab von Massenpanik und Terror die Analyse der Ängste eines hingebungsvollen Familienvaters. Michael Shannon spielt jenen Mann, der sich selbst die Rolle des Familienoberhaupts auferlegt hat und sichtlich unter dem riesigen Druck leidet, nicht versagen zu dürfen. Wie soll es weitergehen, wenn ich gefeuert werde? Was passiert, wenn mich dasselbe Schicksal meiner Mutter ereilt? Wie schütze ich meine Familie, wenn es zu einer unkontrollierbaren Katastrophe kommt, von denen fast täglich in den Medien berichtet wird? Ein unheimlicher Druck lastet auf seinen Schultern, den er nur noch einer gigantischen Urgewalt zuzuordnen vermag. Alles fängt mit Alpträumen an, Halluzinationen, Panikattacken, vollurinierten Bettlaken - zu stolz, sich seiner Ehefrau mitzuteilen und zu ängstlich, um untätig zu bleiben. Besessen von seiner Vision baut er einen Bunker, um sich wieder sicherer zu fühlen und entfernt sich immer mehr von seiner Familie und seinem Umfeld. Trotz dass alles darauf hinweist, dass Protagonist Curtis LaFoche den Verstand verliert, wahrt Nichols durch eine absolut einnehmende Atmosphäre und nicht seltenen Schockmomenten die knisternde Spannung. Dennoch ist die Frage nach Realität oder Fiktion in Take Shelter nur zweitrangig, denn es ist primär die traditionelle Familienrolle des Mannes, die Nichols in seinem Film zu kritisieren versucht. Der sensible Vater kann diese höchste Position, obgleich er es mit allen Mitteln versucht, nicht allein stemmen, denn er hat mit denselben menschlichen Schwächen zu kämpfen, mit denen aller Geschlechter zu kämpfen haben. Nur gemeinsam lassen sich Krisen bewältigen, Psychosen besiegen und Naturkatastrophen abwenden - Hand in Hand in Hand. 

7,5/10

Freitag, 16. November 2012

Good Night, and Good Luck. [George Cooney | USA 2005]



Die Rede David Strathairns zu Beginn und Ende des Films umfasst treffend alles, worum es Clooney in Good Night, and Good Luck geht. Es ist ein Appell, die Macht des Fernsehens und die damit verbundene Verantwortung für wichtigere Dinge als Unterhaltung zu nutzen. Genau deshalb kommt dem Film jede Unterhaltsamkeit abhanden, denn sonst würde er seiner eigenen Kernaussage widersprechen und ist deswegen lediglich für anspruchsvolles Publikum goutierbar. In attraktiven schwarz-weiß Bildern, Zigaretten am Arbeitsplatz und mitunter historischen Archivaufnahmen atmet Good Night, and Good Luck durch jede Pore die 50er ein, während er vordergründig die wahre Geschichte des Kampfes eines TV-Senders gegen die Machenschaften des Senators McCarthy schildert, tiefer gehend jedoch das Ringen eines auf Niveau bedachten Senders um Akzeptanz in einer damals schon verkommenden TV-Landschaft zeigt. Der letztliche Sieg gegen einen der mächtigsten Männer des Landes demonstriert, wozu das Fernsehen tatsächlich einmal fähig war und auch noch ist, würde man das Medium gezielt für das Wesentliche einsetzen. Doch auch dieser Erfolg wurde zu einer finanziellen Niederlage, denn die Konkurrenz zog mit unterhaltsameren Sendungen die Zuschauer auf ihre Seite. Clooney übt leise Kritik an führenden TV-Konzernen, vor allem aber an die Zuschauer, denn unterhalten lassen kann man sich auch im Theater, beim Kabarett oder im Kino. Doch nur das Fernsehen gelangt direkt in die heimischen Wohnzimmer und hält sich so die größte Kraft inne, Berge zu versetzen und Positives zu bewegen. So wahr, und doch bis heute so missachtet.

7,5/10

Freitag, 9. November 2012

The Virgin Suicides [Sofia Coppola | USA 1999]


Man könnte Sofia Coppolas Erstlingswerk ihr persönlichstes Werk nennen, ein Film, der sich mehr als deutlich einer unterdrückten Generation junger Frauen widmet und ihr demnach als eine der wenigen Regisseurinnen unter vielen Männern besonders am Herz gelegen haben muss. Passend dazu ordnet sie die Geschichte zeitlich in den 1970ern ein, den Anfangsjahren der sexuellen Revolution als sich immer mehr Familien von den Fesseln alteingesessener Moralitäten befreiten und ihren Alltag in allen Belangen freizügiger gestalteten. Coppola aber fixiert sich auf eine Familie, die von Vater und Mutter traditionell geführt wird und deren fünf schöne Töchter allesamt von jenen konservativen Normen determiniert werden. So gesehen ist The Virgin Suicides ein Gegenstück zu Ang Lees zwei Jahre eher erschienenen Meisterwerk Der Eissturm, der sich vielmehr mit der Kehrseite der Medaille befasst. Jene anfangs fünf, alsbald aber nur noch vier Mädchen sehnen sich danach, ihren Gefühlen einen Sinn zu geben, sie auszukosten, sie zu leben, so wie es die Nachbarsjungen tun, weil sie es dürfen. Mit der wirklich hinreißenden Kirsten Dunst oftmals im Mittelpunkt des Geschehens, fängt die junge Regisseurin gekonnt die dadurch entstehenden sexuellen Anspannungen mittels schüchternen Lächeln, anziehenden Blicken und herausfordernden Augenkontakt zwischen männlichen und weiblichen Geschlecht ein, zeigt wie die pubertären Gefühle versuchen herauszuplatzen, aber durch aufgezwungene Sitten meist nur implodieren und letztlich in Depressionen münden. Die Message scheint klar: Mehr Freiraum für junge Mädchen. Lasst die Jugend sich doch ein wenig amüsieren, sonst könnten sie Selbstmord begehen. Ja, ganz richtig. Zwar ist es sicherlich nicht falsch, altmodische Prinzipien zumindest infrage zu stellen, solang man dabei nuanciert zu Werke geht. Coppola weiß sich aber leider nur damit zu helfen, ihre fünf schönen Damen ohne einer tiefer gehenden Auseinandersetzung, plump und ohne jeden Anflug von Emotionalität Selbstmord begehen zu lassen und sucht ihr Heil in überspitzter Hetze somit vergebens, was schon allein der Titel unterstreicht. Irgendwie taktlos, Fräulein.

5/10

Mittwoch, 7. November 2012

Nur die Sonne war Zeuge [René Clément | FR 1960]


Tom (Alain Delon) ist jung, gut aussehend, gewitzt und clever, aber Tom hat kein Geld. Wie das fünfte Rad am Wagen wirkt er neben seinen Freund, dem Millionärssohn Philippe (Maurice Ronet), der ihn nicht als Freund, sondern wie einen Hund behandelt. Reichtum heißt Macht, Reichtum ist der Schlüssel zu Respekt und Anerkennung, zum Glück und zu den Frauen, merkt Tom in jeder Sekunde, in der die beiden zusammenhängen und formt sich eine innige Gier, zu deren Erfüllung er sogar über Leichen gehen würde. Die anfängliche Bewunderung zu seinen Freund geht in Neid über und aus Neid gebärt ein kühler Hass. Tom schmiedet sich einen düsteren Plan, der die Beseitigung Philippes und die Aneignung seiner Identität vorsieht. Das Konzept geht auf. Was folgt ist ein höchst spannendes Katz- und Mausspiel, eine physisch und psychisch strapaziöse Flucht vor der Polizei und seinem eigenen Ich. Regisseur René Clément interessiert sich nicht für den neu erworbenen Reichtum seines Protagonisten, sondern fixiert sich auf die Angst, die ihn umgibt vor der Gefahr erwischt zu werden und zeigt auf wie gefühlskalt und leer sein Leben trotz des Geldes geblieben ist. Vor dem Mord an seinen Freund war sein Dasein einzig und allein an einen Traum geheftet und nach ihm ist es vom ständigen Davonlaufen bestimmt und zum Scheitern verurteilt. Fehler macht schließlich jeder mal. Als symptomatisch für die von vorn herein abzusehende Niederlage Toms zeigt sich jene Szene, in der er versucht die Leiche im Wasser zu versenken. Unter schwerer Anstrengung kämpft er gegen den Toten und fällt trotzdem mit ihm gemeinsam ins Wasser. Der ehrlose Kampf um Ruhm und Macht kennt keinen Sieger.

7/10

Samstag, 3. November 2012

Angst Essen Seele Auf [Rainer Werner Fassbinder | DE 1974]


Hauptsächlich ist Rainer Werner Fassbinders Meisterwerk sicherlich als Antwort auf den naiven, deutschen Kleingeist und auf die fremdenfeindlichen Reaktionen zwei Jahre nach der Geiselnahme von München zu sehen, doch dient Angst Essen Seele Auf auch als eine Kritik an grundlegende veraltete Muster unserer Gesellschaft, indem hier Liebe, egal welchen Alters und egal welcher Abstammung, keinen gesellschaftlichen Normen unterliegt und das Recht haben sollte, in jeder möglichen Form, auch als einfachen Ausdruck der Verbundenheit, zu existieren. Die 60-jährige Witwe und Putzfrau Emmi hat sich in den 20 Jahre jüngeren marokkanischen Gastarbeiter Ali verliebt. Das Paar bekommt sogleich die Ablehnung ihrer Umwelt in voller Härte zu spüren. Der Marokkaner sei ein dreckiges, primitives Schwein, die Bindung sei vollkommen unanständig und würdelos. Entgegen dieser naiven Voreingenommenheit demaskiert Fassbinder die Scheinheiligkeit der Deutschen in zahlreichen Szenen, die die eigene Sittenlosigkeit untermauern oder die Gesamtheit betrachtend die Widersprüchlichkeit des Fremdenhasses aufzeigen, so zum Beispiel wenn der deutsche Ehemann seiner Frau Schläge androht, falls sie ihm kein Bier holt oder wenn in Hitlers ehemaligem Stammlokal der Stirn runzelnden Emmi ein "Aperitif" angeboten wird. Als blödsinnige Absurdität entlarvt, bleibt jedoch jene Feindseligkeit gegenüber Ausländern eine nur schwer erklärliche Größe in dieser tristen Welt, ein riesiges Fragezeichen, ein Paradoxon. Ebenso bleibt der gemeinsame Kampf zweier einsamer Menschen für Respekt und Akzeptanz ein hoffnungsloser, der Blick in die Zukunft verheißt nichts Gutes, und auch heute noch kann man jenes Problem längst nicht als gelöst ansehen, auch wenn bereits Fortschritte gemacht wurden und der hier dargestellte offensichtliche Rassismus meist nur noch einer der unterschwelligen Sorte ist. So ist Angst Essen Seele Auf nicht nur ein hell leuchtender Stern der deutschen Filmlandschaft, sondern auch ein extrem lehrreicher, Horizont erweiternder und kritischer Beitrag, der nicht nur im schulischen Lehrplan einen festen Platz einnehmen sollte.

9/10




Donnerstag, 1. November 2012

James Bond 007 - Skyfall [Sam Mendes | GB, USA 2012]


James Bond meldet sich zum Dienst. Sam Mendes auch. Der American Beauty-Regisseur muss in einem Bondfilm wohl eine neue Herausforderung gesehen haben, hat er doch nie einen Film in dieser oder ähnlicher Art inszeniert, aber wer hat das schon? Bond ist immer anders. Doch schon die allererste Actioneinlage, gefolgt vom fabelhaften Vorspann lassen die letzten Zweifel verschwinden. Mendes und Bond? Das passt. Aber abgesehen von einigen gekonnt mit Licht und Schatten, mit Feuer und Wasser spielenden kämpferischen Einlagen, bleibt die Action weitestgehend reduziert und rückt stattdessen das in den Vordergrund, wofür Mendes bekanntermaßen ein hervorragendes Händchen hat: Menschen und deren Interaktion. Aus den weitestgehend schablonenartigen M und 007 werden echte Charaktere, deren Beziehung zueinander ein tieferes Level erreicht, der Bösewicht ringt nach Menschlichkeit, ja sogar Bonds Hintergrundgeschichte wird, wenn auch nicht gänzlich, erschlossen. Dem alteingesessenen Fan könnte das sicher sauer aufstoßen, nicht aber, wenn jene Innovation mit Tradition clever verknüpft wird. Bond schlürft schließlich immer noch seinen Martini und sogar der geliebte Aston Martin darf wieder auf die Straße gekarrt werden. Wer nun immer noch skeptisch ist, darf sich wenigstens am exzellenten Schauspiel aller Beteiligten erfreuen. Daniel Craig gibt gewohnt solide, jedoch weitaus selbstironischer den James Bond, Judi Dench ist mehr denn je im Fokus und meistert ihre moralisch zwielichtige Rolle mehr als bravourös und sogar das leider  wenig präsente Bond-Girl Bérénice Marlohe deutet in wenigen Szenen große schauspielerische Klasse an. Doch sie alle müssen sich dem großartigen Bösewicht Javier Bardem beugen, dem die unterhaltsamsten wie dramatischsten Szenen gehören. Nach dem schwer enttäuschenden Ein Quantum Trost darf man sich also wieder ganzen Mutes ins Kino trauen, denn dort wartet, und das ist gewiss, ein starker Film und ein noch stärkerer Bond. 

7,5/10

Dienstag, 30. Oktober 2012

Mulholland Drive [David Lynch | USA 2001]


Ein Tanzwettbewerb wird zur Eintrittskarte nach Hollywood und schon fängt das große Träumen an. Der Traum, ein Star zu werden, der Traum von einer Villa mit Swimming Pool und zwei süßen Chiwawas, der Traum von Tennis vormittags und Golf am Nachmittag, der Traum in allen Zeitungen zu stehen, der Traum ein Idol für andere zu sein - Nichts von alldem wird wahr werden. Nein, Hollywood wird zum Albtraum. David Lynchs zuerst verschleierte, letztlich jedoch kaum offensichtlichere Abrechnung mit der Traumfabrik kann bzw. muss man als ein cleveres zweiteiliges Konstrukt sehen, ein Spiel mit dem Publikum, mit der Hoffnung und mit der Zeit, das den Zuschauer für lange Zeit im Dunkeln tappen lässt und schließlich den emotionalen Sturzflug der letzten halben Stunde umso deprimierender macht. Naomi Watts ist eine Wucht. Die Flucht in aussichtsreiche Tagträume, in denen alle Mitmenschen nett und zuvorkommend sind, die Schuldigen die letzten Deppen darstellen und Karriere und Liebe Hand in Hand einer gesegneten Zukunft entgegentreten, wird zur Farce, sobald sie von der knallharten Realität wieder eingeholt werden, wenn eine Seele am schwärmerischen Mythos Hollywoods jämmerlich zugrunde geht. David Lynch tarnt die träumerische erste Hälfte, den Hauptteil des Films, mittels eher unerheblichen Story-Elementen und rätselhaften Details, die der eigenen Interpretation obliegen, als einfachen Mystery-Thriller, um letztendlich das halbe Drehbuch über Bord zu werfen und dem Film eine schockierende wie substantielle Note zu verleihen. Doch damit nicht genug: In einem letzten selbstzerstörerischen Akt der Wut, der Enttäuschung und der Eifersucht werden daraufhin Figuren, Namen und Leben ausradiert, sodass am Ende absolut nichts mehr übrig bleibt - außer ein geplatzter Traum. 

8,5/10

Sonntag, 28. Oktober 2012

Bronson [Nicolas Winding Refn | GB 2008]



Bühne frei für Charlie Bronson, dem bis heute berühmtesten aller Strafgefangenen Großbritanniens, einem völlig schrägen Vogel, der sein einziges Talent und seine Chance große Berühmtheit zu erlangen darin sieht, die stählerne Faust gegen das Gesetz zu richten. Und wann könnte man mit kriminellen Taten, ständigen Ausbruchsversuchen und Faustkämpfen mit Wärtern nicht mehr Aufsehen erregen als in der heutigen Zeit, in der das Fernsehen auf Leute wie Bronson bewundernd die Kameras richtet und das Publikum sich zumindest gut unterhalten fühlt? Ein Schlag ins Gesicht, dann die Verbeugung - der Zuschauer lacht. Regisseur Nicolas Winding Refn hält uns ein ums andere Mal den Spiegel vors Gesicht, bis man sich früher oder später eingestehen muss: 'Dieser gewalttätige Kerl macht unheimlich Spaß', und führt uns so unsere eigene schaulustige Gier vor Augen, die keine Grenzen kennt. Ja, Bronson hat einige satirische Züge und outet sich letztlich auch als eine treffende Satire, wenn er seinen Antihelden in der letzten Einstellung erstmals ungeschönt der Öffentlichkeit ausliefert, wenn er ihn seiner lächerlichen Maskerade beraubt und ihn als das bloßstellt, was sein Leben aus ihm gemacht hat: Einen Haufen bemitleidenswerter Scheiße. Hardy und Refn waren nie so gut. 


7/10

Freitag, 26. Oktober 2012

We Need to Talk About Kevin [Lynne Ramsay | USA 2011]


Der Amoklauf eines Jugendlichen an einer Schule ist durchaus eines der schwierigsten vorstellbaren Themen, das man im Film verarbeiten könnte. Es müssen Gründe gesucht werden, angefangen beim familiären Umfeld über mögliche Freunde, bis hin zur Beziehung zu den Lehrern, ja sogar die Medien könnten eine entscheidende Rolle gespielt haben. Damit einhergehend ist natürlich die Frage der Schuld. Regisseurin Lynne Ramsay macht es sich in ihrem neustem Film We Need to Talk About Kevin zur Aufgabe jenes sensible Thema zu bewältigen und scheitert in so gut wie allen Belangen. Man darf sich dabei nicht von der Tatsache täuschen lassen, dass es sich hierbei um eine unschuldige Indie-Produktion mit sympathischen Soundtrack handelt, denn Subtilität bedeutet das noch lange nicht. Um genau zu sein, ist der Film so oberflächlich wie die Kirsche auf der Sahnetorte. Zwar deutet Ramsay den Kern des Problems, die Familie, an, scheint aber vielmehr daran interessiert zu sein, Kevin lediglich als Enfant terrible, als das typische Psychokind oder einfach nur als das größte Arschloch der Menschheit darzustellen, das die größte Freude daran empfindet, seine Mitmenschen leiden zu sehen. Selten bekommt man durch die Mutter einen längst standardisierten Grund geliefert, warum Kevin (scheinbar von Geburt an) so ist, wie er ist, was aber hinsichtlich seiner völlig krankhaften Natur nicht gerade wirkt, als wolle man wirklich ernsthaft nach Gründen suchen. Durch jene unzulängliche Auseinandersetzung und dem Herunterrasseln eines von den herrschenden Medien vorgegebenen Konzepts geschieht im Kopf des Zuschauers das, was man sich bei einer solchen Thematik fast am wenigsten wünscht - nichts. Jede Figur behält die bei der Masse etablierten oder von der Boulevardpresse vorgegebenen Rolle: Die größte Antipathie bleibt beim Täter, die Eltern schwanken zwischen Mitleid und der nicht von der Hand zu weisenden Mitschuld und die Opfer bleiben ohnehin die Opfer. Immerhin weiß aber We Need to Talk About Kevin atmosphärisch und handwerklich zu überzeugen. Tilda Swinton spielt wie gewohnt großartig und eine absolut gelungene Inszenierung fängt vor allem die Wucht der kleinen als auch großen dramatischen Ereignisse gekonnt ein, aber das kriegt RTL ja auch ganz gut hin.


4/10

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Wer Gewalt sät [Sam Peckinpah | GB/USA 1971]

Dustin Hoffman

Idyllische Ruhe suchte das junge Pärchen auf dem Land, gefunden aber hat sie lediglich die Angst. Sam Peckinpah macht es sich in seinem ersten Nicht-Western, der dennoch vom machohaften Saufgesindel bis zu eingeschlagenen Fensterscheiben genügend Genre-Ähnlichkeiten aufweist, zur Aufgabe, die Natur des Mannes zu charakterisieren. Dustin Hoffman spielt dabei in seiner vielleicht besten Rolle den gebildeten Astromathematiker in einem Käfig voller Primitiven, die ihn wegen seiner städtischen Unerfahrenheit und seiner sanftmütigen Art belächeln, während er wiederum sein arrogantes Ego ausspielt, im Wissen, mehr in der Birne als die ungebildeten Dörfler zu haben. Es ist der versinnbildlichte Kampf des Mannes zwischen Körper und Geist, zwischen Trieb und Vernunft, der zu einer Reihe gefährlicher Anspielungen und feindseliger Blicke führt, in denen Gewalt in der Luft liegt und die Angst vollkommen spürbar ist, bis die Spannungen schließlich kein Halten mehr kennen, die Vernunft verliert und die Taten in roher Gewalt münden, wenn sich in der finalen Krisensituation jede spießbürgerliche Fassade entblättert und sich auf ebenjene gewalttätigen, lüsternen Triebe reduziert, die der Gebildete anfangs zu verabscheuen schien. Und nach dem unausweichlichen Blutbad? Keine Reue, keine Bestürzung. Stattdessen ein Lächeln. Und du selbst, lächelst du auch? So konsequent und provokant ist Kino viel zu selten.

8/10

Montag, 22. Oktober 2012

Schmetterling und Taucherglocke [Julian Schnabel | FRA 2007]


Die Verfilmung des gleichnamigen Buches von am Locked-In-Syndrom leidenden Jean-Dominique Bauby ist weniger ein Tatsachenbericht als vielmehr die Widerspiegelung der Gedanken und Gefühle eines Mannes zwischen Himmel und Erde. Wenn man von einem auf den anderen Moment aus seinem alltäglichen Leben herausgerissen wird und man plötzlich weder laufen, selbst essen, trinken oder sprechen kann, scheint die eigene Existenz keinerlei Sinn oder Wert zu haben. Die Ego-Perspektive Baubys verdeutlicht seine Hilflosigkeit und seine Tristesse inmitten kalter, steriler Krankenhauskulissen mehr als treffend. Doch dauert es nicht lange und da tauchen die ersten Farben auf, sowie Sonnenstrahlen, die einem hoffnungslosen Leben neue Wärme einhauchen. Unter einer grandiosen Bildregie zeigt Schmetterling und Taucherglocke auf subtile Weise das Arrangieren mit der puren Ausweglosigkeit und wie man in Fantasien und Erinnerungen schwelgt, um aus ihnen die Kraft zu ziehen, das Bestmögliche aus den verbliebenen Möglichkeiten zu machen. Ein Appell also, jedes Individuum, sei es noch so heruntergekommen und verkümmert, zu respektieren, denn tot ist man erst, sobald man unter der Erde liegt. Doch auch selbst da hat uns die Filmgeschichte schon eines Besseren belehrt.

7/10

Samstag, 20. Oktober 2012

Jeremiah Johnson [Sydney Pollack | USA 1972]

Robert Redford

Wer ist dieser Johnson? Er kommt aus dem Nichts und geht in das Nirgendwo, schläft unter freiem Himmel, muss sich in eisiger Kälte Feuer machen und jagt sein Essen mit den eigenen Händen an einem Ort, an dem der Mensch noch auf sich allein gestellt ist; an einem Ort, an dem Legenden geboren werden. Sidney Pollack beschäftigt sich in seinem gleichnamigen Film mit einem Stück bodenständiger amerikanischer Geschichte, kaum glorifiziert und dennoch achtbar, um vor allem zu zeigen, aus welchem Holz jene Männer geschnitzt sind, deren Erlebnisse im Volksmund mehr als ein Jahrhundert überdauern. Doch nicht nur das: Er macht aus dem berüchtigten Jeremiah Johnson mit fortschreitender Dauer einen perfekten Amerikaner: Aus dem großen Unbekannten wird unter dem Einfluss der Natur ein starker, cleverer, gewitzter Naturbursche und Familienvater, der ebenso seine weißen Kameraden wie die Ureinwohner respektiert, solange diese nicht seine Familie gefährden. Da unterschlägt man natürlich auch gern mal, dass der echte Jeremiah Johnson die Leber seiner Feinde aß, nachdem er mit ihnen fertig war. Jene gleichsam unnötige wie unehrliche Idealisierung des Helden könnte für Pollack zum Verhängnis werden. Doch eine ruhige, glanzlose Inszenierung lässt diesen Kritikpunkt unter glaubhafter Naturliebe und angenehmer Zurückgezogenheit beinahe gänzlich verschwinden. Und ganz abgesehen davon: Wenn ein charmanter Robert Redford mit Rauschebart und strahlend weißem Lächeln die Titelfigur spielen darf, dann kann doch eigentlich (fast) nichts schief gehen.


6/10

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Sky Captain and the World of Tomorrow [Kerry Conran | USA/GB 2004]


In seiner ersten und bisher einzigen Regiearbeit entführt uns Kerry Conran in eine Parallelwelt um die Zeit des Zweiten Weltkriegs, den es hier in der uns bekannten Form nie gegeben hat; in der Nazis nie existierten und Mütter ihre Kinder reinen Gewissens Adolf nennen konnten. Stattdessen plant ein gewisser Dr. Totenkopf die Zerstörung des Planeten, der übrigens auch in der Originalfassung seinen deutschen Namen natürlich behalten durfte. So ganz mochte man uns also doch nicht frei sprechen. Der an das gleichnamige Comic angelehnte 'Sky Captain' (Jude Law) versucht jedenfalls, zusammen mit der attraktiven Reporterin Polly (Gwyneth Paltrow), die Pläne des Bösen zu durchkreuzen und die Welt vor dem Untergang zu bewahren. Als käme sie vom Fließband spielt die gefühlt zweihundertste Kopie dieser Story in einer Mischung aus Zukunft und Vergangenheit, wenn Zeitungsartikel mit der Schreibmaschine geschrieben werden, mit Jagdfliegern aus den 30ern geflogen wird und gleichzeitig Roboter und Kanonen mit Laser feuern. Wäre nur das Ergebnis so originell, wie es klingt. Doch die Wahrheit bleibt ernüchternd: Jede dieser Erfindungen hat man irgendwo schon mal gesehen. Nichts ist wirklich neu, sei es geklaut oder als eine offensichtliche Referenz (z.B. Star Wars) gedacht. Nicht einmal das Sci-Fi-Genre wurde für ein wenig Gesellschaftskritik genutzt, denn selbst der Bösewicht bleibt zwischen Paltrow und Law auf Autopilot beileibe der Unlebendigste (Achtung: doppeldeutig), seine Methoden alt, seine Gründe beinahe nichtig. Aber immerhin scheint der milchig-weiche Look - für manche so sanft wie ein Ölgemälde, für andere wiederum lediglich so verschwommen wie eine beschlagene Fensterscheibe - ansatzweise unverbraucht zu sein in einer Welt wie für 1€ aus dem Spielautomaten. Denn mal ehrlich: Da hat man mehr davon.


3/10
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